Sevan Magid floh 2015 gemeinsam mit ihren Eltern und Geschwistern aus Syrien in eine ungewisse Zukunft. Auf einer Informationsveranstaltung zum Thema Integration erfuhr sie von der Möglichkeit, ein Praktikum bei REHAU zu absolvieren. Nach dem Praktikum bewarb sie sich um einen Ausbildungsplatz und ist nun bereits im dritten Lehrjahr zur Industriekauffrau. Wir haben uns mit ihr über ihren Berufsalltag und ihr Leben als Syrerin in Deutschland unterhalten.


Sevan Magid, Auszubildende zur Industriekauffrau am Standort Rehau

"Nachhaltigkeit ist nicht nur der bewusste Umgang mit Ressourcen sondern auch, dass Menschen aus unterschiedlichen Kulturen die gleichen Chancen erhalten.“


Frau Magid, wie sind Sie zu REHAU gekommen?

Als wir nach Deutschland gekommen sind, wollte ich schnell Deutsch lernen und Kontakte knüpfen. Über eine Freundin, ebenfalls Mitarbeiterin bei REHAU, erfuhr ich von der Möglichkeit, ein zweiwöchiges Praktikum zu machen. Ich habe einen Einstiegstest gemacht, mich für ein kaufmännisches Praktikum beworben und wurde genommen. Das Praktikum hat mir gut gefallen, deshalb habe ich mich um einen Ausbildungsplatz beworben. In den neun Monaten zwischen Praktikum und Ausbildung habe ich zwei Deutschkurse absolviert. In der Berufsschule hatte ich am Anfang trotzdem noch Schwierigkeiten, alles richtig zu verstehen. Die ganzen Fachbegriffe und dann noch der fränkische Dialekt… Das ging dann aber schnell. Ich hatte ja auch keine andere Chance als schnell die deutsche Sprache zu lernen. Man kann nicht am Leben teilnehmen, wenn man die Sprache nicht kann. 

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Haben Ihre Eltern und Ihre Geschwister ebenfalls eine Perspektive gefunden?

Meine ganze Familie hat Glück gehabt. Alle können sich ein Leben in Deutschland aufbauen. Meine Geschwister haben Ausbildungsplätze gefunden, mein jüngster Bruder geht noch zur Schule. Und mein Vater hat in Hof ein Geschäft eröffnet. 

Was für eine Berufsausbildung hatten Sie in Syrien geplant?

Ich wollte gern studieren und Ingenieurin werden. Da hätte ich viele Möglichkeiten gehabt. Das Ingenieur-Studium war aber in einer anderen Stadt, dort konnte ich wegen des Kriegs nicht beginnen. Deswegen habe ich schlussendlich Englisch ausgewählt, denn das Studium war in der Nähe meiner Heimatstadt. Aber leider wurde auch diese Universität im Krieg zerstört. Syrien war einmal das Bildungs-Vorzeigeland der arabischen Welt. Aber mit dem Bürgerkrieg hat sich alles verändert.

Als Auszubildende bei REHAU lernen Sie unterschiedliche Abteilungen kennen. Hatten Sie auch Berührung mit Nachhaltigkeitsthemen? 

Ja, ich war zum Beispiel in unserem Produktionswerk für die Kantenfertigung tätig. Hier habe ich Produktionsüberschüsse der Kantenbänder sortiert, so dass die Rücklaufmaterialien wiederverwendet werden können und kein Wertstoff verschwendet wird.

Aber Nachhaltigkeit ist nicht nur der bewusste Umgang mit Ressourcen sondern auch die tägliche Arbeit miteinander und dass Menschen aus unterschiedlichen Kulturen die gleichen Chancen erhalten. Ein ganz konkretes Nachhaltigkeitsprojekt bei REHAU ist die Investition in die interne Ausbildung und dass junge Menschen fit für den Beruf gemacht werden. Dafür bin ich ein gutes Beispiel. Ich bin dankbar, dass REHAU mir die Chance gibt, eine Ausbildung hier zu machen. 

Wie denken Sie über Ihr Leben in Deutschland?

Wenn ich gefragt werde, woher ich komme und ich antworte „aus Syrien“, dann habe ich oft Angst, wie die Menschen reagieren. Es gibt viele Vorurteile über Flüchtlinge, zum Beispiel, dass sie Geld vom Staat bekommen und nichts dafür tun. Für mich bedeutet „Flüchtling sein“ aber, dass ich sehr viel verloren habe: Freunde, Verwandte, meine Kultur. Ich bin nach Deutschland gekommen und hatte das Gefühl, dass ich mit 20 Jahren neu geboren wurde. Ich muss alles neu kennen lernen: die Sprache, neue Freunde, die Gesellschaft, Nachbarn, die Feiertage, die Kultur. Das ist manchmal sehr schwer.

Aber ich glaube, dass wir alle voneinander lernen können. Viele Flüchtlinge möchten in Deutschland bleiben und zeigen, dass Integration möglich ist und dies somit Vielfalt und neue Perspektiven mit sich bringen kann.

Da gibt es eine große Angst auf der deutschen Seite, dass wir Flüchtlinge die Gesellschaft verändern. Das kann ich auch verstehen. Aber wenn sich beide Seiten austauschen und alle in Frieden miteinander leben, dann wird sich das Land weiterentwickeln. Man muss im Gespräch bleiben, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. 

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